Der Griff ins Leere

Der Griff ins Leere. Die Finger greifen zu. Aber da ist nichts. Kein Glas, nichts.
Verwirrt wende ich meinen Blick in die Richtung, in die ich meine Hand blind geführt habe. Nichts.
Und da fällt es mir wieder ein. Mein Handy ist kaputt. So schnell wird es dort nicht mehr liegen.
Langsam ziehe ich die Hand zurück, überzeugt davon, dass mir das nichts ausmacht.
Eine innere Unruhe ergreift mich. Langsam aber stetig wandert meine Hand wieder an den gewohnten Fixpunkt.
Meine Finger tasten nach dem flachen Gerät. Und wieder ertappe ich mich dabei, zum Smartphone greifen zu wollen. Welche Bedeutung hat das Smartphone für mich?
Als es stets in meiner Hosentasche steckte oder griffbereit neben mir lag war ich mir sicher: Das Ding brauche ich eigentlich gar nicht.
Klar, es bringt Ablenkung, die Möglichkeit zum Austausch und ich kann innerhalb von Sekunden sehen was jemand am anderen Ende der Welt macht.
Aber ich war mir ziemlich sicher: So dringend brauche ich es nicht. Die zeitraubenden Apps waren ja gar nicht so zeitraubend.
Und ich nutzte das Handy wirklich nur wenn ich es brauchte. Also mehrere Stunden am Tag. Dann folgte der große Crash: Eines Morgens ist der Akku geplatzt. Das Display reagiert nicht. Lässt sich nicht aktivieren.
Nicht schlimm, denke ich mir. Ich brauche es ja nicht unbedingt.
Also mache ich mich für die Arbeit fertig und gehe zum Auto.
Dort erwartet mich das erste Problem. Musik habe ich immer über das Handy laufen lassen. Meine Start-The-Day Playlist ist somit unerreichbar.
Egal, sage ich mir. Radio ist auch ok. Blöd nur, das bis zur Arbeit kein einziges Lied gespielt wird, das mir gefällt. Und dann diese Werbung…
Auf der Arbeit merke ich vorerst nichts von meinem Verlust. Doch in der Pause geht es los. Ich greife zu meiner Hosentasche. Will doch nur kurz ein paar Freunden schreiben.
Die Verabredung für den heutigen Abend bestätigen. Meinem Mann einen Kuss-Emoji senden.
Ich greife ins Leere. Und das immer wieder. Will ich auf die Uhr sehen, Griff ins Leere. Will ich mich nur mal kurz ablenken: Griff ins Leere. Fällt mir jemand ein, von dem ich ewig nichts mehr gehört habe: Dasselbe.
Mir fällt der Fachbegriff nicht ein: Wieder nichts. Ob ich in der Mittagspause eine Jacke brauche? Griff ins Leere.
Kurz zuhause fragen ob wir alles für das geplante Abendessen da haben? Nichts. So geht es am laufenden Band. Am Abend in Gesellschaft geht es. Die nächsten tagen zeigen mir: Ich bin an mein Handy gewohnt.
Ich bin geradezu darauf angewiesen, dass es da ist, das es mir Ablenkung schenkt, dass es mich mit meinen Lieben connected. Das es mich up-to-date hält.
Denn ich bekomme nichts mehr mit. Meine Freunde sind es nicht gewohnt, dass jemand nicht liest was in den WhatsApp Gruppen abgeht.
Also verpasse ich wichtige Infos zu Treffen. Ich verpasse die Bekanntmachung der Schwangerschaft einer Freundin.
Ich habe das Gefühl zu treiben. Denn ich kann niemanden mehr erreichen. Also beginne ich Mails zu versenden. Ich telefoniere.
Und siehe da, ich bekomme Mails zurück. Und werde angerufen. Meine Kontakte reduzieren sich gravierend.
Denn es gibt einen Unterschied zwischen ‚Hi-wie-geht’s-Dialogen‘ und tiefgehenden von echtem Interesse geprägten Gesprächen. Einige Freunde beginnen sich zu beschweren: Man erreicht dich gar nicht mehr! Hol dir endlich ein neues Handy. Das geht so doch nicht.
Mailen ist nicht dasselbe. Wir können uns nicht mehr anständig austauschen. Man hat das Gefühl, Du existierst gar nicht mehr. Ist es denn so? Existiere ich ohne Handy nicht? Kann ich für meine Mitmenschen nur real sein, wenn ich ein Smartphone habe?
Am besten mit allen relevanten Social Media Apps? Stets erreichbar. Immer ein blauer Haken?
Ich fürchte, so ist es. Oder wird es sein. Im Moment hält sich die Intensität und Relevanz der digitalen Vernetzung in grenzen.
Doch ich fürchte, irgendwann werden wir nicht mehr aufs Handy verzichten können. ich habe wieder eins. Jetzt aber nur noch mit den relevantesten Apps. Keine zeitfressenden Spiele. Keine unnötigen Apps.
Nur noch Apps zum Kontakt halten. Und selbst die nutze ich nicht mehr so intensiv. Zumindest versuche ich es.

Hello world!

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